„Polychron“ - was ist das?
Zunächst, was ist „-chron“?
Chronos ist in der Orphischen Mythologie (ca. 6.-5.Jhdt. v.u.Z.) der dem Chaos entstammende Gott der Zeit, welcher das silberne Weltenei und daraus den später mit Helios gleichgesetzten Lichtgott Phanes hervorbringt,
Zeit ist in der Vorstellung vieler ein lineares Geschehen. das wie eine gespannte Schnur zwischen Anfang und Ende eines Vorganges verläuft. Das unter diesem Prinzip stehende Denken und Handeln nennt man monochron und man ordnet es vor allem den Bewohnern der nördlichen Industrienationen zu.
Dass deren Lebensweise nicht die allein seligmachende ist, besagt ein altes Sprichwort: "Der gerade Weg ist nicht immer der beste." Zumindest die Negativeffekte der Regulierung und Begradigung von Flüssen scheinen das zu bestätigen. Von der positiven Wirkung des natürlich netzartig Verlaufenden zeugt hingegen die Anziehung, welche südliche Länder seit Jahrhunderten auf die Menschen des Nordens aus üben. Der dort vielfach waltende Geist ist ein anderer. Fast ebenso wichtig wie das Ziel sind die Nebenwege, auf denen man es ebenfalls erreichen kann. - oder auch neue Erkenntnisse gewinnt. Phantasie und Kreativität fühlen sich in solcher Welt besonders wohl.
Sie steht - eine unverzichtbare Ergänzung - der monochronen Welt zur Seite - Polychron.
Zu den großen Fragen der Menschheit zählt nicht zuletzt jene nach Wesen und Wirkung von Zeit, wie neben einer von Antike bis Gegenwart reichenden Reihe philosophischer und theologischer Abhandlungen auch eine Vielzahl an Werken aus Hendwerk, Bildender Kunst, Literatur und Musik belegt. Vom jungsteinzeitlichen, vermutet astronomischer Beobachtung dienendem Stonehenge-Steinkreis über Sonnen-, Sand-, Räder-Spindel-,-Pendel- bis zur Atom-Uhr erstreckt sich die Entwicklung der Zeitmessung.
Als Hüter und gleichsam Treuhänder von irdischer (menschlicher) Lebenszeit wird in den Märchen vieler Völker oder z.B. auch in H. C. Andersens "Die Geschichte einer Mutter" ursprünglich der personifizierte Tod angesehen. In seiner ebenso tiefgründigen wie vieldeutigen Novelle "Der Uhrmacher" setzte sich der österreichische Schriftsteller Gustav Meyrink (1868 - 1932) an Hand seines eigenen Lebensweges mit índividueller Wahrnehmung und Transzendenzdimension zeitlicher Abläufe auseinander. Dem gütigen Wesen dieses Uhrmachers auffallend ähnlich erscheint einige Jahrzehnte später Meister Hora, der Herr der Zeit, in des deutschen Autors Michael Endes (1929 -1995) Geschichte vom Mädchen "Momo". Und auch Harry Potter - Autorin Joanne Kathleen Rowling (*1965) dürfte sich an diesem Motiv bedient hat- - in Form Hermine Grangers "Zeitumkehrer", durch dessen Einsatz Harry Potter und Freunde das Leben von Harrys Paten Sirius Bläck und ihres Hippogreif-Reittieres retten können.
Was insgesamt weitgehend nach Theorie, Märchen und Fantasy klingt, könnte im Reich der Quanten allerdings durchaus Realität sein. Peter Schiansky von der Universität Wien gelang die Entwicklung eines so genannten Rewinding-Protokolles, das die Rückführung eines Photons in seinen Ausgangszustand ermöglicht. Ob sich aus solchem Geschehen aber auch eine Zeitumkehr in der makroskopischen Welt entwickeln lässt, bleibt vorderhand im Ungewissen. Es empfiehlt sich also nach wie vor, die uns gegebene Zeit zu eigenem wie Gemeinwohl möglichst sinnvoll zu nutzen.
Nicht immer zeigen sich die unterschiedlichen zeitlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Dimensionen als ästhetische Poesie. Die erste Geschichte auf polychron.at führt daher direkt in die aktuelle Realität der bevorstehenden österreichischen Nationalratswahl. Angesichts der oft vehementen und beinahe unwirklich anmutenden politischen Auseinandersetzungen ist man versucht, an Alfred Kubins makabren Roman "Die andere Seite" zu denken. Wie es scheint, erfüllt hier eine von den Medien in ihrem Kern nur unzureichend erfasste Kleinpartei in besonderer Weise dieses Prinzip.
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Vorbei NR-Wahl, Regierungsbildung im zweiten Anlauf.
Verschwinden besagter Kleinpartei ohne Politiker, für deren Spitze - anders als für deren (einfache, beitragende und fördernde) Mitglieder - sich der Versuch dank österreichischer Politförderungspraxis mit gesamt vermutet rund 800000€ jedenfalls ausgezahlt hat. Von den Fördersummen für Erstgewählte und aktiv Regierende zu schweigen...
Nicht vorbei: Kriege mit Hunderttausenden meist zivilen Opfern, ungeheurer Ressourcenraubbau durch Infrastrukturzerstörungen globaler Ausmaße, Aufschreie der in höchstem Maße transformationsbedürftigen Wirtschaft nach Aussetzen und Reduktion bestehender wie geplanter Klima- und Umweltschutzmaßnahmen. Quo vadis, Erde und irdische Lebenswelt? Und wieder eine - wie die erste - wahre Geschichte:
Ich erlebe sie während des Bosnienkrieges. In den meisten österreichischen Schulklassen sitzen Kinder aus den Kriegsgebieten, zum Teil schwer traumatisiert. Von Horrorszenarien wird in den Medien berichtet. aus dem biederen Hausmeister wird plötzlich ein Nachbarmörder. Was geht in Menschen(-männern) vor, die sich derartig verhalten? Ist dies die ratio, die Vernunft, die seit Aristoteles in Philosophie und anderen Wissenschaften so hoch im Kurs stent, weit höher als das (von Spinoza"weibische" Barmherzigkeit genannte) Mitgefühl?
Ich soll einen Artikel schreiben, der nichts mit dem Krieg zu tun hat, und für den ich - konfessionsfrei - eine Stelle aus der Bibel nachschlagen muss Beim Herausziehen aus dem Buchregal klappt das Buch an irgendeiner Stelle auf. Es ist eine Seite aus dem Alten Testament und mein Blick fällt auf eine Textstelle, in welche die Eroberung einer Stadt beschreibt. Lakonisch und emotionslos in drei Sätzen: "Männer wurden getötet, Frauen wurden genommen, Vieh wurde getrieben" Etwa 3000 Jahre mochten zwischen dem Original dieser Textstelle und dem Bosnienkrieg liegen. Damals wie gegenwärtig die gleiche geschlechtsspezifische Aggression. Geleitet wohl kaum von jenen Regionen im Gehirn, welche Freundschaft, Mitgefühl oder vernunftgeleitetes Verhalten steuern, sondern von jenen, welche gewisse angeborene Instinkte zu aktivieren vermögen und sich einige Etagen tiefer befinden...